Kategorie:  Symphonie / Orchester

Lilith ist eine auf die Sumerer zurückgehendes und im ganzen Orient verbreitete Frauenfigur, Dämonin, auch als erste Frau Adams interpretiert. Man könnte sie musikalisch als Lufthauch, Phantasiewesen, Mischung zwischen Mensch und Tier, sehr anziehende und rätselhafte Frau „malen“…..
Lilith als Symbolfigur der Emanzipation, Lilith als weibliches Gegenstück zu Luzifer. In vielen Phantasy-Filmen und Romanen erscheint :Lilith als Nachthexe, Vampirin, Femme Fatale, Engel des Todes.

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Die Tonbeispiele von der Wergo-CD "FATAL HARMONIES - TÖDLICHE HARMONIEN" mit dem DSO Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Dir.: Ariel Zuckermann

Dauer: 10 Minuten

Notenausgabe: Ries & Erler Musikverlag Berlin , 2016

Besetzung: 2 Flöten (2. auch Picc)
2 Oboen (2. auch Englischhorn)
Klarinette
Baßklarinette
2 Fagotte
3 Hörner
2 Trompeten
3 Posaunen (T T B)
Harfe
Pauke
3 Schlagzeuger
Streichorchester

Vorwort: LILITH – ein verdrängter Archetyp des weiblichen Seins
…Essay von Enjott Schneider

Im Jahre 2015 komponierte ich LILITH - SYMPHONIC POEM FOR ORCHESTRA, das dann am 1. Mai 2016 unter Leitung von Ludwig Schmalhofer in der Synagoge Augsburg zum 100. Todestag von Yehudi Mehuhin aufgeführt wurde. Eingespielt wurde es auf der Wergo-CD „FATAL HARMONIES – Tödliche Harmonien“ mit dem DSO Deutsches Symphonie-Orchester Berlin.
Die Figur der „Lilith“ ist als erste Frau Adams und Gegenspielerin zur „Eva“ in vielen Quellen überliefert, die – wie so Vieles in unserer Kultur – auf die Wiege der Menschheit, Mesopotamien mit den Sumerern zurückgeht. Ein musikalisch sehr anziehendes und rätselhaftes Frauenwesen, das heute sehr einseitig in Bildender Kunst, Fantasyfilm und Literatur als Nachthexe, Vampir, Femme Fatale oder Engel des Todes fortlebt. Die einzige Erwähnung in der Bibel erfolgt bei Jesaia 34,14: „Es werden Wildkatzen auf Schakale treffen, ein ziegenbehaarter Dämon wird seine Gefährten rufen und dort wird auch die Lilith verweilen und ihre Behausung finden.“ Typisch für die Verdrängung des Lilith-Archetyps in den patriarchalen Zivilisationen ist, dass Bibelübersetzungen dieses Wort vermeiden und stattdessen etwa in der Lutherbibel mit „Nachtgespenst“ oder in der Neue-Welt-Übersetzung mit „Nachtschwalbe“ übersetzen.
In Psychoanalyse und Mythenforschung ist die Gestalt der „Lilith“ allerdings sehr wesentlich. Sie ist die dunkle und verleugnete Schwester Evas, - eigentlich ihre Nachfolgerin, denn sie hatte sich von Adam getrennt, weil dieser auch hinsichtlich der von patriarchaler Dominanz geprägten sexuellen Gepflogenheiten mit ihr in den offenen Geschlechterkampf geriet. In seinem Buch „Der Lilith-Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit“ von 2003 stellte Hans-Joachim von Maaz (hier aus der Fülle von psychologischer Literatur zu dieser Thematik stellvertretend herausgegriffen) dieses „Ungezähmte“ plastisch dar. Im Klappentext: „Sie steht für Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frau, für Sexualität, Lust und Selbstbestimmung, für den Verzicht auf eigene Kinder. Die psychische Tabuisierung und Verdrängung der Lilith – der Lilith-Komplex – ist für Frauen und Männer Quelle endlosen Leids, eines erbitterten Geschlechterkampfs und jener massiven Störung des Mutter-Kind-Verhältnisses.“
Da als die klassisch genannte Frau des „Adam“ die „Eva“ fungiert und dieses Paar in der Schöpfungsgeschichte mit der Aura des Weltenbeginns kontaminiert erscheint, lohnt es sich, einen Blick in die Bibel zu werfen. Bekanntlich gibt es dort zwei verschiedene Schöpfungsberichte: Die ‚erste‘ Schöpfung der geistigen Welt durch die die Elohims (wörtlich übersetzt „die Allmacht, die alles aus sich herausbringt) in welcher Gott die Gesamtheit aller spirituellen Kräfte repräsentierte; Weisheit (Wort), Liebe (Leben) und Bewusstsein (Licht) waren die Merkmale dieser ersten Schöpfung, (wörtlich übersetzt „ich bin, der Ich-Bin“) als eine auf das eigenverantwortliche Ich fokussierte Schöpfung. Diese „Ich-Welt“ ist eine irdisch zentrierte Welt als Abbild der geistigen Sphären. In dieser sichtbaren Welt war ‚nicht alles gut‘, denn sie war von Dualitäten erfüllt: der kolportierte Sündenfall von Adam und Eva repräsentiert diese Spannungen, provozierte mit der Vertreibung aus dem Paradies eine Verortung außerhalb der gewesenen Ganzheitlichkeit und zeugte somit auch die Gestalt der doppeldeutig determinierten Lilith. Eine andere kontrovers zu interpretierende Gestalt in jener mehr irdischen Bewusstseins-Ebene war dann auch der Satan bzw. Luzifer. Die wörtliche Bedeutung von Luzifer als „Lichtbringer“ weist dieselbe doppeldeutige Determiniertheit auf.
Um es nochmals auf eine knappe Formel zu bringen: Das erste – mehr geistige - Verstehen der Welt mit dem Prinzip des Ganzheitlichen „war gut“ und kannte die paradiesische Harmonie und Gleichberechtigung als kosmische Intention, - das ‚Androgyne‘ vor jeder Dissonanz einer Polarität/Dualität, also das Weiblich-Männliche war der Ausgangspunkt. Das zweite – mehr irdisch bzw. materielle – Verstehen der Welt auf Basis des Jahwe-Gottes brachte unsere bekannten Spannungen und ‚dunkle‘ Flecken ins Spiel. Sobald mit der Figur der „Eva“ das weibliche Prinzip aus der androgynen Ureinheit (Mensch = Mann & Frau) herausgetreten war, begann dieses „Eva-Bashing“, vom dem die Autoren Carel van Schaik (Evolutionsbiologe) und Kai Michel (Historiker) so eindrucksvoll berichten, - in ihrem 2020 erschienenen und epochal zu nennenden Buch „Die Wahrheit über Eva. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern“.
Die Mythen und Inhalte der Bibel sind keineswegs originale Erzeugnisse der hebräischen Kultur und des jüdischen Glaubens. Vieles dort ist in der Geisteswelt der sumerischen und mesopotamischen Frühkulturen vorgebildet und von dort übernommen. In meinem Oratorium ABUBU – Die Sintflut“ von 2022, wo ich das altbabylonisch gesungene Libretto gemeinsam mit dem weltweit führenden Assyriologen Stefan Maul von der Universität Heidelberg entwickeln durfte, bekam ich schon drastisch vor Augen geführt, dass der biblische „Noah“ nur die – bis ins Detail identische – Blaupause des altbabylonischen Uta-Napischti – und schlussendlich ein Plagiat ist. Auf tönernen Keilschrifttafeln ist dokumentiert, wie bereits Jahrhunderte vor dem biblischem Bericht ein deckungsgleichen Mythengeflecht aus dem Zweistromland existierte. Erst 1928/29 gesicherte Keilschrift-Funde aus den Ruinen aus der einstigen Metropole Ugurit (heute syrischer Boden) beweisen unwiderlegbar, dass der hebräische Name Evas „hawwäh“ als „Mutter alles Lebendigen“ letzten Endes auf sumerischen Mythologien basiert, die 5000 Jahre alt sind: Konstellationen von dort sind uns sehr vertraut; die Götter sandten in einer Notsituation einen der ihren – Adammu, also Adam – auf die Erde. Der Baum der Unsterblichkeit wurde ihm durch eine riesenhafte Schlange (die selber eine Inkarnation eines dunklen Gottes war) verwehrt. Adam wurde sterblich und bekam von den Göttern seine Frau Kubaba (in den antiken Tradierungen als Kybele weiterlebend). Kubaba – einst auch Göttin – wurde durch ihr Heraustreten aus der ‚paradisischen‘ Götterwelt ebenfalls sterblich. Sie bekam als Adams Frau jenes Attribut „Mutter allen Lebens“ zugesprochen, das dann später sich in der hebräischen Bibel für Eva wiederfindet.
In der sumerischen Mythologie, die weiter als 5000 Jahre zurückreichend zu den ältesten Kulturschichten dieser Erde gehören, lebte „Lilith“ (etymologisch auch LIL.LU oder Lilitu) als Gottheit im Weltenbaum und wurde gerne als geflügeltes Wesen – mit Luft und Wind verbunden – dargestellt. Der Sprachstamm LIL für „Wind“ verweist auf eine Luftgottheit. Verwandte Gottheiten wie „Li-lum“ oder „Le-el-lu-um“ konnotieren ebenfalls „Nachtwind“, „Windhauch“ oder „Nächtlicher Schutzwind“.
Es ist hier nicht der Ort, diese komplexe Mythologieforschung (die letzlich auf sehr irdische und reale Bezugslinien und ikonographische Dokumente verweist) verständlich wiederzugeben. In Kurzform ist festzustellen: je mehr die Religionssysteme von patriarchalen Machtstrukturen durchsetzt wurden und ein einstmals gleichwertiges Nebeneinander von weiblichem und männlichem Prinzip verloren ging, um so mehr wurde „Eva“ zur untergebenen Funktion männlichen Herrschaftshoheit. Dieser psychologisch-archetypische Prozess des Bewusstseins gab dem uralten Luftsymbol „Lilith“ als Prinzip weiblicher Eigenständigkeit zunehmende Relevanz. Eva wurde mehr und mehr zum Mütterlein, das sich dem patriarchalen Mann zu unterwerfen hatte. Lilith lehnte solche Unterwerfung ab, trennte sich – bildhaft gesprochen – von Adam als dem herrschsüchtigen männlichen Prinzip. „Lilith“ steht deshalb in den psychischen Tiefenschichten für Emanzipation, lustvoll erlebte eigene Sexualität und weibliche Autonomie… dem „typisch-Mann“ natürlich Angst bereitend!
„Lilith“ als Archetyp des Bewusstseins versinnbildlicht ein Traum- und Zauberreich, das zusammenfassend klare Kernaspekte aufweist: „Autonomie des Weiblichen“ und Weigerung, sich a priori dem Mann unterzuordnen; „die dunkle Schattenseite des Weiblichen“ als jene tabuisierte Zone der zur mütterlichen Gebärmaschine reduzierten „Eva“; der „Lilith-Komplex“ (wie ihn vor allem Hans-Joachim von Maaz popularisierte) als ein bis heute gesellschaftlich und psychologisch extrem wirksamer Archetyp, - vergleichbar mit der „Wirk“lichkeit des Ödipuskomplex bei S. Freud oder der Archetypen bei C.G. Jung wie beispielsweise der Anima/Animus-Typologie oder seinem “Peter-Pan-Syndrom als Jünglings-Archetyp.
Was heißt das alles beim Musikhören des Orchesterstücks „LILITH – SYMPHONIC POEM“? Es geht darum, nichts mit Ratio und Kausalität verstehen zu wollen, sondern sich beim Lauschen in jene tiefe und dunkle Zonen entführen zu lassen, wo magische Klänge von irritierend simpler Schönheit verkünden können, um aber gleich wieder wieder in die eher gefährlichen Kellerecken unserer labyrinthischen Psyche hinabzufallen. Schlimmstenfalls ist es eine Zeitreise in zig-tausendjährige Ur-Erinnerungen, also Re-Ligio, Rückanbindung an unsere tiefsten Schichten jenseits jeder Begrifflichkeiten und Benennungen.

Widmung: Dem Andenken Yehudi Menuhins zu seinem 100. Geburtstag gewidmet

Anmerkungen: Kompositionsauftrag von "Yehudi Menuhin, Live Music Now. e.V. Augsburg"

Uraufführung:  01.05.2016, Synagoge Augsburg Halderstrssse 6-8

Uraufführung Interpreten: HOMMAGE AN YEHUDI MENUHIN".Konzert zum 100. Geburtstag in der Augsburger Synagoge, die zu den schönsten Synagogen Europas zählt. Es spielt das Symphonieorchester des Leopold-Mozart-Zentrums Augsburg, Leitung: Ludwig Schmalhofer

Tonträger:  Wergo-CD,