Kategorie:  Kammermusik

BEYOND STILLNESS / HINTER DER STILLE, Sutras for 2 flutes & piano (or small ensemble).
Sutras sind in der östlichen Spiritualität Aphorismen, die in knapper Form die Essenz allen Wissens oder der Weisheit auszudrücken versuchen. - Es geht um die tiefsten Schichten des „Seins“, die jenseits der Gedankenwelt und jenseits eines vom Ego dominierten Lebensstils liegen. Schlüssel zu dieser Welt ist die „Stille“, die einen inneren Raum zu öffnen weiß, in dem dann Erkenntnis und wahre Kreativität manifest werden können.
Obwohl die zwei Flöten Klänge im weitesten Feld der neuen Musik spielen und sehr experimentell klingen, bleibt die hier ausgedrückte Spiritualität doch sehr nahe bei einem natürlichen intuitiven Empfinden.

Sätze: I: HEART SUTRA
II: KAMA SUTRA
III: DIAMOND SUTRA

Dauer: 10 Minuten. (3:10 – 3:00 – 3:40)

Besetzung: 2 Konzertflöten und Klavier.
Das Klavier als Begleitinstrument kann auch ersetzt werden durch Orgel oder Streichquintett oder ein kleines Ensemble wie z.B.: „Harfe, Violoncello und Percussion (incl. Marimbaphon)“ oder „Klavier, Viola und Percussion“ oder „Orgel, Percussion und Elektronik“. Jede kreative und atmosphärisch passende Umsetzung ist denkbar.

Spieltechniken:
Die beiden Flöten verwenden Techniken der neuen Musik, die Standard sind und nicht eigens ausführlich beschrieben werden oder in genau auszuführenden Nuancen erfordert werden. Solche sind beispielsweise slap tongue, Portament/Glissando, Multiphonics (ohne genaue Griffangaben), „airy notes“ als Tonerzeugung mit viel Luftgeräuschen bis hin zum Fehlen eines konkreten Tons, Flageolets als entmaterialisierte Klänge, freie Vibrato-Gestaltung mit accelerando/rallentando bis zum non-vibrato.

Die Spielanweisungen oder grafischen Symbole lassen grundsätzlich Spielraum für Improvisation und eigene Gestaltung. Wichtig ist der mystische Grundcharakter und eine Sogwirkung, die Zuhörerschaft mit leisen Vibrationen und Klanggebilden zu fesseln. Benötigt eine Spieltechnik zusätzliche Zeit zum Klangaufbau, so kann auch die Rhythmik hier frei adaptiert werden.

Vorwort: Sutras sind in der östlichen Spiritualität Aphorismen, die in knapper Form die Essenz allen Wissens oder der Weisheit auszudrücken versuchen. Der Ursprung ist in den indischen Veden und der Sanskrit-Literatur zu suchen, die jedoch vor allem in den Lehrtexten des ostasiatischen Buddhismus und Daoismus tradiert wurden. Es geht um die tiefsten Schichten des „Seins“, die jenseits der Gedankenwelt und jenseits eines vom Ego dominierten Lebensstils liegen. Schlüssel zu dieser Welt ist die „Stille“, die einen inneren Raum zu öffnen weiß, in dem dann Erkenntnis und wahre Kreativität manifest werden können.
Auch in der modernen Spiritualität ist diese Thematik von hoher Bedeutung. Autoren wie Eckhart Tolle weisen explizit auf die Weisheit der Sutras, die es in unsere Zeit einzuholen gilt. Deshalb sind zur Einführung gerne zwei Bücher von Eckhart Tolle empfohlen: "Stillness Speaks" ("Stille Spricht") von 2003, oder "A New Earth" "Eine neue Erde") von 2005.

Zu den einzelnen Sätzen:

1: Herz Sutra als das Sutra der höchsten Weisheit ist das am meisten rezitierte, kopierte und studierte Schriftstück des ostasiatischen Buddhismus. Es gilt als knappste Zusammenfassung der 600bändigen Lehre Buddhas auf nur einer Seite. Im Mittelpunkt steht die „Leere“ als fundamentales Wesen aller Dinge, das „Sunyata“ des Sanskrit als Freiheit von jeder Anhaftung und von jeder Konditionierung des Denkens. Der vollständige Titel meint „Die Essenz des erhabenen Hinübergelangens ans jenseitige Ufer der Weisheit“. Die spirituelle Erfahrung liegt darin, die „Form als Leere – und die Leere als Form“ zu erkennen. Das musikalische Material beruht hier auf einem freien Umgang mit der Skala des „Rag Shree“ (E – F – G# – A# - B – C – D# – E).

2: Kama Sutra als Verse des Verlangens und der Kraft der Evolution entstammen vor allem dem Buch von Vatsayayana Mallanaga und sind in der Öffentlichkeit vor allem als vulgarisierte Texte zu Sexualität und Erotik bekannt. In den Tempeln des Hinduismus wie auch in den daoistischen Texten zur Sexualität geht es unmißverständlich um konkrete Lust und Leidenschaft. Jedoch geht es im Hintergrund um eine Transformation der Lebensfreude in Göttliche und um eine Anleitung, zu einem auch in der materiellen Welt erfüllten Leben des Körpers.

3: Diamant Sutra ist die „Diamanten spaltende Vollkommenheit der Weisheit“ aus einer Predigt Buddhas. Es stammt aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung und ist ein in Ostasien – und gerade auch in der Zen-Tradition – einflussreicher Text. Dieser umfasst 32 Abschnitte. Seine Rezitation dauert 45 Minuten. Die zentrale Gleichung „Leere = Form / Form = Leere“ führt auch hier zur Weisheit, dass die Leerheit aller Phänomene („all beings… are beeingless“) zur Erleuchtung führt. Mit der Welt der Formen, Namen und wahrnehmbaren Fassaden betrügen wir uns, denn alles ist Nichts („the logic of not“). Wahre Bedeutung kann nur jenseits der Gedanken und Worte liegen. Das musikalische Material beruht im Diamant Sutra auf dem Umgang mit der Skala des „Rag Todi“ (C – Db – Eb – F# - G – Ab – B – C). Am Ende erklingt als vowel colorations (in die Flöte hineingesprochen mit freiem Fingering) das essentiell passende Mantra: „Gate – Gate – Paragate – Parasamagate – Bodhi Svaha“ (Gegangen, Hinübergegangen, ganz hinübergegangen, O welch ein Erwachen, Segen“.

Widmung: ...dem polnischen Flötenduo Agata & Lukasz Dlugosz herzlich gewidmet