AUF DEN BERGEN DES HERZENS für Chor und Saxophon

R.M. Rilke zum 100. Todestag

AUF DEN BERGEN DES HERZENS für Chor und Saxophon

R.M. Rilke zum 100. Todestag

Category:  Chor / Vokal

Zum 100. Todestag von Rainer Maria Rilke, dem „Zweifler der Moderne“. Sinnkrise war für Rilke eine Sprachkrise: „Ich fürchte mich vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich an“, so beginnt ein Gedicht von 1897 und offenbart seine Angst vor dem definitorischen Gebrauch der Wörter. Von solcher Sprachkrise handelt auch das Gedicht von den Bergen des Herzens. Sprache ist ein System von Zeichen geworden, das seine Abbildungsfunktion verloren hat. Buchstaben können weder äußere und schon gar nicht innere Realität wie Gefühle oder Empfindungen abbilden. - Im Gedicht Berge des Herzens verlegt Rilke sein Begreiflich-Machen der Sprachkrise ins starre, feindliche Hochgebirge, den schroffen „Steingrund“ oberhalb des menschlichen Lebens. Die „letzte Ortschaft der Worte“, alles Benennbare und Erklärbare ist weit unten, ein „letztes Gehöft von Gefühl“. Aus der Warmherzigkeit des Herzens machte die ‚Einsamkeit des Sprachlosen‘ eine schroffe Landschaft mit dem Grundgefühl des Ungeborgenseins. Ein Kammerchor liefert die Worte, zum Teil mit Percussion aus Kieselsteinen. Das Saxophon (ad libitum ersetzt durch Klarinette oder Violine) führt den Ausdruck dort weiter, wo Sprache zu versagen beginnt und Stille zum Klangmittel wird.

Duration: 11 Minuten

Publisher of notes/sheet music: Ries & Erler Musikverlag , 2026

Instrumentation: Gemischter Chor (S M A T B)
Sopransaxophon (ad libitum auch Klarinette in Bb oder Solovioline)

Text/Lyrics by: Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Introduction: AUF DEN BERGEN DES HERZENS
Zum 100. Todestag von Rainer Maria Rilke

SPRACHLOSIGKEIT ALS WELTVERSTEHEN – ein Essay
Rainer Maria Rilke (1875-1926), der große Zweifler der Moderne, beantwortet die Sinnsuche des Menschen nicht mit Religionshülsen, Dogmen oder gusseisernen Prinzipien, sondern erhebt den „Zweifel“ zum kreativen Ausleuchten seines Inneren. „Der Tag wird kommen…“, so schreibt er in Briefe an einen jungen Dichter (Brief von 1908), „… da er – der Zweifel -aus einem Zerstörer einer ihrer besten Arbeiter wird, - und vielleicht der klügste von allen, die an ihrem Leben bauen“. Sinnkrise war für Rilke eine Sprachkrise: „Ich fürchte mich vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich an“, so beginnt ein Gedicht von 1897 und offenbart seine Angst vor dem definitorischen Gebrauch der Wörter. Von solcher Sprachkrise handelt auch das Gedicht von den Bergen des Herzens. Sprache, vor allem die tote, geschriebene, ist ein System von Zeichen, das seine Abbildungsfunktion verloren hat. Buchstaben können weder äußere und schon gar nicht innere Realität (Gefühle, Empfindungen) abbilden, - Sprache kann eigentlich nur funktionslos auf Sprache selbst verweisen, was Gertrude Stein 1913 mit ihrem „Rose is a rose is a rose“ so treffend auf den Punkt brachte.
Das krisenhafte Sprachbewusstsein, dass definierte Worte immer aus Tradition, Ideologie und Erstarrtem bestehen und deshalb nie das vorgängerlose Unikat eines „Jetzt!“ auszudrücken vermögen, ist seit Jahrtausenden präsent: So hatte Platon, auf Sokrates aufbauend, seine Zweifel, ob Sprache die (vornehmend aus wirkenden Ideen bestehende) Wirklichkeit abbilden könne; die dann endlose Linie der Zweifler reicht über Lessing, Novalis, Nietzsche, Hesse, Wittgenstein bis zur modernen „Ästhetik des Verstummens“, die etwa bei Hugo von Hofmannsthal in seiner Elektra greifbar wurde. Alle Mystiker und Mysterienschulen wussten von der Erkenntniskraft des Schweigens und Verstummens. „Ein Narr ist an seiner Rede zu erkennen, ein Weiser an seinem Schweigen“ formulierte Pythagoras von Samos (570 v.Chr. – 495), in dessen Schule ein monatelanges Schweigen Voraussetzung für die Einweihung war. Sprache mag kommunikativ in der sichtbaren Welt, der Dingwelt eine grobkantige Hilfe sein, in der Wirklichkeit des Unsichtbaren – von Gefühlen, Intuitionen, von geistigen Beziehungen oder vom Ineinander des holographischen Universums – ist Sprache unzureichend und musste schon immer dem Symbol, Gleichnis oder Bild weichen.
Conclusio: Leben und „Jetzt!“ sind nicht rationalisierbar, nicht mit künstlichen Metaphern oder „geradlinig“ definierten Worthülsen zu erklären. Die Form des Lebens gehorcht einer vorsprachlichen Wirklichkeit, was Immanuel Kant mit seinem „…dass alles Leben krummlinicht sei“ ausdrückte und damit die Zwielichtigkeit und fliessende Vielschichtigkeit der Frühromantik einläutete. Nach Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus kann Sprache allenfalls zum Gemeinten heranführen, das Gemeinte selbst verweigert sich der sprachlichen Abbildungskraft. Als gesanglicher Epilog am Ende von Auf den Bergen des Herzens habe ich deshalb als finales Motto eine Wendung aus Rilkes Mir zur Feier zitiert, seine tiefe Erkenntnis: „Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest“.
Wittgensteins Traktatus schließt ja mit einer Apotheose des Verstummens oder der Stille: „…und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“. Nur in der wortlosen Stille erfährt der Mensch jenes tiefste unsterbliche innere Selbst, das man “Goldene Kugel“ (im Märchen), Buddha-Natur, Jesus-Natur oder wie bei Franz Kafka „das Unzerstörbare“ nennen kann.
Mit seinem zentralen „Intimus Cordi est Deus“ verwies schon Augustinus auf die Gewissheit, dass Gott nirgends anderswo zu finden sei, als in der Tiefe des eigenen Herzens. Rainer Maria Rilke hat die Göttlichkeit, die sich im Schweigen offenbart, wiederum in einem Gedichtanfang vom 4.10.1899 anklingen lassen: „Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht, dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht“. Die ‚Göttlichkeit der Stille‘ als große Weisheit der asiatisch-abendländischen Spiritualität begenet uns in extremen Kontrasten: Von der Mystik eines Meister Eckharts „Das ewige Wort wird nur in der Stille laut“ bis zum Tattoo am linken Oberarm der Popkünstlerin Lady Gaga „Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: Muss ich schreiben?“ (Wiederum ein Rilke-Zitat aus dessen Briefe an einen jungen Dichter).
Im Gedicht Berge des Herzens verlegt Rilke sein Begreiflich-Machen der Sprachkrise ins starre, feindliche Hochgebirge, den schroffen „Steingrund“ oberhalb des menschlichen Lebens. Die „letzte Ortschaft der Worte“, alles Benennbare und Erklärbare ist weit unten, ein „letztes Gehöft von Gefühl“. Aus der Warmherzigkeit des Herzens machte die ‚Einsamkeit des Sprachlosen‘ eine schroffe Landschaft mit dem Grundgefühl des Ungeborgenseins. Nur wer schon immer jenseits der Wortsprache existierte, also die Pflanzen („ein unwissendes Kraut“) und die Tiere (das „gesicherte Bergtier“ oder „der große geborgene Vogel“), fühlt sich in dieser sprachlosen Welt „geborgen“. Wahre tiefe Empfindung und Innerlichkeit sind für den Menschen in der zur unwirtlichen Bergwelt gewordenen Umgebung nicht mehr verbalisierbar.
Das „heile Bewusstsein“ liegt gipfelwärts, oberhalb der Sprache, für den Menschen unerreichbar. Vielleicht ist „Kunst“ als wortloser Ausdruck menschlichen Weltverstehens die sinnhafteste Möglichkeit des Sich-Mitteilens? Deswegen kommt dem nicht mehr Wort-gebundenen Klang des Saxophons in dieser Komposition große Bedeutung zu: instrumentale Musik vermag das zu sagen, was Worte nicht mehr sagen können! Rainer Maria Rilke, der als großer „Klangzauberer“ seine Lyrik erschuf, legt deshalb jenseits des konventionellen Wortgehalts die kommunikative Ansprache seiner Hörer (nur klingende, gelesene Gedichte können authentisch wirken) in den Klang der Vokale und Konsonanten. Für mich als Linguistiker - Paläolinguistik und Psycholinguistik hatten mich fasziniert und geprägt - sind Rilkes Gedichte Fundgrube und Beleg zugleich. Rilke weiß und nutzt die Urkräfte der klanglichen Frequenzen, der Ur-Energien, die jedem Vokal und Konsonanten zu eigen sind (interkulturell und bis ins Tierreich verständlich): das U… der noch ungeformte Urlaut aus der Tiefe (Ur, Blut, Gruft, Uterus. Unten u.a.), das A… der energetische Anfang (Tat, aktiv, Adam, Macht u.a.), das I…, der helle, spitze, kopfbetonte Klang ohne Bässe (Ich, Kritik, Intelligenz, Licht, Wissen u.a.), das E… als horizontale Weite (Ebene, See, Ewigkeit, Leben u.a.), das O… als Endpunkt Omega alles Seins (Tod, Mortus, Loch, Kosmos, Not, Oben u.a.).
Das Gedicht Berge des Herzens weist – für mich ganz persönlich - als grauenhafte Parallele zur aktuell offenkundigen Kriegstreiberei in Politik und Gesellschaft: Rilke schrieb es zu Beginn des Ersten Weltkriegs im September 1914 für die Malerin Lou Albert-Lasard (1885-1969). Seine Freundin – der er im selben Jahr 15 Gedichte schrieb – war überzeugte Pazifistin. Der wenig hoffnungsvolle Grundton des Gedichts ist nicht wenig der lähmenden Angst zuzuschreiben, dass Rilke erleben musste, wie eine Kultur der Sensibilität und der internationalen Offenheit geradlinig vernichtet wird. Nach Kriegsende schickte Rilke diese Berge des Herzens an seinen Verleger Kippenberg nach Leipzig, - als poetische Einschwörung in sein „Duineser Elegien“-Projekt, was sein Hauptwerk werden sollte.

Dedication: Für Gerhard Jenemann und seinen Süddeutschen Kammerchor
Verlag: Ries & Erler Musikverlag Berlin

Additional remarks: Kompositionsauftrag des Süddeutschen Kammerchors Alzenau

Text des Gedichtes (vom 20. September 1914, aus dem Nachlass)
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du's?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz
blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewusstseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens....

Im Teil „ECHOS“ dann Fragmente zur Energie der Vokale:

U / U-E-O /
O……. Ortschaft der Worte / der große verborgene Vogel
U……. unwissendes Kraut / aus stummem Absturz
I…….. der Wissende, der zu wissen begann / gesicherte Bergtier / siehe, wie klein
E…… Ausgesetzt, auf den Bergen des Herzens

Im „EPILOG“ ein Motto aus Rilkes „Du musst das Leben nicht verstehen“ (1898)
Du musst das Leben nicht verstehen /
Dann wird es werden wie ein Fest

World premiere:  22.10.2026 , Alzenau / VOCAL ART FRANKFURT RHEINMAIN

Performers at world premiere: Süddeutscher Kammerchor,
Asya Fateyeva (Sopran-Saxophon)
Leitung: Gerhard Jenemann
Ring-Premiere beim Festival VOCAL ART FRANKFURT RHEINMAIN 2026:
22.10. St. Laurentius Alzenau-Michelsbach, 24.10. St. Katharinen Frankfurt,
25.10. Balthasar-Neumann-Kirche St. Cäcilia Heusenstamm