Kategorie:  Symphonie / Orchester

Dauer: 10 Minuten

Notenausgabe: Verlag: Ries & Erler, Berlin , 2018

Besetzung: Besetzung:
2 Flöten
2 Oboen
2 Klarinetten (Bb)
2 Fagotte
3 Hörner (F)
2 Trompeten (Bb)
3 Posaunen (T T B)
Pauke
Percussion 1,2,3
Großes Streichorchester

Vorwort: Enjott Schneider
>RAPTUS<
DIE FREIHEIT DES BEETHOVEN
für Orchester

Vorwort:
„Raptus“ nannte Hofrätin Helene von Breuning , die mütterliche Mentorin des jugendlichen Beethoven, seine Anfälle von Zorn, Verbitterung, Wut und Enttäuschung. Beethoven gebrauchte den Namen „Raptus“ lebenslang, um selbstironisch seine verletzenden Disruptionen zu verklären. Charakter und vor allem das Komponieren waren von solchen Dissonanzen und schroffen Kontrasten geprägt. Das Orchesterstück greift eine solche kategorischen Bruchhaftigkeit auf, - den Kontrast zwischen dem „heroischen Stil“ der Anfangsphase und dem lyrisch rätselhaften Spätstil. In beidem geht es um den zentralen Begriff der Freiheit: Schon 1793 schrieb er ins Stammbuch der Elisabeth Vocke „Freyheit über alles lieben“ und 1819 postulierte er „allein Freyheit und weiter gehen“ als den Zweck der Kunst. In Anlehnung an Vorbilder wie Friedrich Schiller und Jean-Jaques Rousseau war es zunächst die subjektive Freiheit des ‚Sturm und Drang’ mit dem antifeudalen politischen Gestus, wie er sich vor allem in Sieg und „Gloire“ des Napoleon verkörperte. Gesten der Macht und der Gewalt, wie sie in der Musik bislang nie vernommen wurden, ließen in Beethovens Musik nahezu verstörend aufhorchen. Inspiriert von der französischen Revolutionsmusik waren Pathos, Raumeroberung und Schöpferkraft nahezu grenzenlos. Aus dem offensiven „Meide alles Geregelte!“ zog sich Beethoven aber zunehmend in jene Innerlichkeit und fast jenseitige Lyrik zurück, die schon immer als Kontrast in seinen Werken aufblitzte.
Spätestens seit Beginn der Taubheit und dem ‚Heiligenstädter Testament’ überlagert das sich hemmungslos als „Held“ feiernde Ich eine von Demut gezeichnete Transpersonalität: Naturliebe, Andacht, Sternenhimmel, religiöse Transzendenz und Dankgesang waren Chiffren einer neuen Lebenshaltung. Statt kämpferisch dem Schicksal in den Rachen zu greifen geht es nun um Hingabe und eine von jedem Objekt losgelöste, nahezu kosmische Liebe. Gerade der ‚Dankgesang’ wurde hier zum schlichten Urlaut seines Schaffens. Wir finden ihn explizit im „Hirtengesang. Frohe und dankbare Gefühle“ der Pastoralsinfonie op. 68 und im Streichquartett a-moll op. 132 „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in lydischer Tonart“.... der Gestus der wortlosen Hingabe findet sich jedoch im gesamten Spätwerk vor allem der Klaviersonaten und Streichquartette, wunderschön auch in der Arietta von op. 111.
„Raptus“ zeichnet diese Brüche nach und kontextualisiert viele Zitate aus Beethovens Kosmos: „Eroica“, 5. Sinfonie, „Coriolan“ stehen in der ersten Werkhälfte dem aus dem Tonfall „Rap-tus“ entnommenen Zwei-Achtel-Motiv zur Seite. Der lyrische Dankes-Gestus kennzeichnet die zweite Hälfte. Lautmalerisch darf die Gewitter-Sequenz am Ende verstanden werden: Anselm Hüttenbrenner berichtet von den letzen Lebenssekunden Beethovens, wo er zu Gewitter, Schneegestöber, Hagel und Blitz noch einmal die erhobene rechte Faust ballte.... und dann starb. Die allerletzte Aufmerksamkeit kommt allerdings dem Rätselkanon WoO 198 zu, den Beethoven kurz davor Dezember 1826 seinem Kassaoffizier Karl Holz diktierte: „Wir irren allesamt, nur jeder irret anderst“.

Anmerkungen: 
Kompositionsauftrag des Deutschen Orchesterwettbewerbs:
Vom Deutschen Musikrat vergebenes Pflichtstück in der Kategorie „Sinfonieorchester“
für den Deutschen Orchesterwettbewerb 2020, der zum Beethoven Jubiläumsjahr
in Bonn stattfindet. Dem voraus gehen sechzehn Landeswettbewerbe .