Kategorie:  Kammermusik , Chor / Vokal

„…und bin Ewig, Ihr gehorsamster Sohn“. Mozart-Fragmente für Knabenstimme (Frauenstimme) und Ensemble ist ein Kompositionsauftrag der Mozartstadt Augsburg für ein Konzert „Letters to Leopold“ anlässlich des 300. Geburtstages von Leopold Mozart. Knabenstimme und ein Kammermusikensemble facettieren das Vater-Sohn-Verhältnis von Leopold und Wolfgang Amadeus. Mit vielen Mozart-Zitaten aus dem Klavierkonzert KV 543, aus dem "Requiem", aus der "Zauberflöte" und natürlich aus der Oper "Don Giovanni", wo Mozart überdeutlich in der Figur des Commandatore mit dem bedrohlichen "Über-Ich" seines Vaters abrechnet. Ein ausführliches Vorwort (siehe unten) gibt darüber Auskunft.

Sätze: Das Werk ist ein Kompositionsauftrag der Mozartstadt Augsburg für ein Konzert „Letters to Leopold“ anlässlich des 300. Geburtstages von Leopold Mozart.

Dauer: 10 Minuten

Besetzung: Knabenstimme (ad libitum auch Frauenstimme) c1-e2

Klarinette wechselnd mit Bassklarinette in Bb
Violine
Violoncello
Percussion 1: Vibraphon (f-f3), Grosse Trommel, Tamtam, (Kinder-)Glockenspiel,
Triangel, metal chimes, woodblock
Percussion 2: Marimbaphon (c-c4), Tomtom (oder Standtrommel), 3 hängende Becken,
snare drum

Vorwort: Das Werk entstand als Kompositionsauftrag der Stadt Augsburg für ein Konzert „Letters to Leopold“ zu dessen 300. Geburtstag. In dem Konzert sollte es um eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Vater von Wolfgang Amadeus gehen. Natürlich wurde der „Vaterkomplex“ thematisiert, der seit Peter Shaffers Bühnenstück „Amadeus“ und dessen Verfilmung von Milos Forman 1984 populär geworden ist. Allerdings wäre eine Schuldzuweisung an die hochinteressante Persönlichkeit des Leopold Mozart als strafenden Vater zu simplifizierend, - denn letztendlich war seine Erziehung des Sohnes im definitiven Hinblick auf das göttliche und einmalige Genie des Wolfgang gut und richtig.
Leopold verkörperte – wie viele Väter – das apollinische Prinzip mit Disziplin, Präzision, Konzentriertheit, Willensstärke, Rationalismus und einer Dressur mit hölzernem Üben bis hin zum Klischee des „Takt ohne Seele“. Von der Mutter, die immer im Schatten von Leopold stand, und später seitens von Konstanze, hatte er eher das dionysische Prinzip erspürt: Körperlichkeit und Lust, das Spielerische, Gefühle und Träumen, Weinseligkeit, Entgrenzung.
Ganz wie in Milos Formans Interpretation des Antonio Salieri, der Gott seine Sexualität zugunsten von Fleiß und Entsagung opferte … um Berühmtheit einzuhandeln, hatte auch Leopold Mozart zunehmend seine Lebenslust hintenan gestellt. Er wurde ja leicht als verbitterter Mensch eingeschätzt. Leopold hat Wolfgang Amadeus gerade in seelischen Fragen und Sachen der Liebe (die körperliche Attraktion der Konstanze oder die Freude über die Geburt von deren Kind) in seelenloser Einsamkeit belassen. Anerkennung, Mitgefühl und emotionale Zugewandtheit waren für Leopold hier ein Tabu.
Mozart schien in der Tat (ob bewußt oder unbewußt) mit seinem Vater vor allem in der Oper „Don Giovanni“ abzurechnen, wo die pubertär verbliebene Sexualität in der Figur des Commendatore zur „Höllenfahrt“ führte. Der Musikwissenschaftler Martin Geck, einer der prominentesten Mozart-Biographen, vermerkt: „Wie der tote Komtur am Ende Macht über den unbeugsamen Libertin gewinnt, beherrscht auch Leopold Mozart aus dem Jenseits den schuldbeladenen Sohn. Dieser vermag angesichts des imaginierten väterlichen Strafgerichts sein sorgloses Leben nicht mehr weiterzuführen…“ Und stirbt vielleicht deshalb so früh?! Mozart traute sich sein Leben lang nie, dem strengen Vater ein „Nein!“ entgegenzusetzen und blieb stets der „gehorsamste Sohn“. Don Giovannis „No!“ ist sein Nein, das er endlich dieser übermächtigen Vaterfigur entgegensetze. Diese Stelle der Oper wird in dem Kammermusikwerk ausdrücklich zitiert. Es ist musikalisch übrigens (in Rhythmik und Harmonik) sehr dem „Dies Irae“ aus dem Mozart-Requiem verwandt… eine der (endlich!) zornigsten Musiken von Wolfgang Amadeus.
Nichts kennzeichnet die Vater-Sohn-Beziehung so amüsant, wie die kleine Geschichte um „Mozarts Vogel“! Über den Tod seines Vaters verlor Mozart kaum Worte. Dagegen verfasste er eine große Trauerrede anläßlich des Todes seines zur gleichen Zeit verstorbenen „Vogel Star“: diesen Vogel schaffte sich Mozart (laut seinem Ausgabenbuch) am 27. Mai 1784 für 34 Kreuzer an. In einem weiteren Tagebucheintrag wird dann vermerkt, dass der Star sogar das Rondo-Thema aus dem Klavierkonzert G-Dur KV 453 pfeifen konnte…. Diese muntere Melodie verschaffte dem vorliegenden Werk - als Prolog und als Epilog zu hören - eine wunderbare Klammer… und nimmt der ödipalen Narration jegliche dramatische Schwere.

Anmerkungen: Die Texte:
-----„Lieber Leopold. Dem Dilemma aller Väter konntest auch Du nicht entkommen: Ein Vater ist entweder zu streng und dominant…oder zu weich und abwesend! Den Wolfgang hast Du zu sehr dressiert! Dem strafenden Über-Ich wagte er nie ein trotziges NEIN! entgegenzusetzen“! (Brief an Leopold von Enjott Schneider)

-----„…doch musst du Jüngling, männlich siegen. Männlich siegen! Sei standhaft, duldsam“. (Emanuel Schikaneder, aus der Oper „Zauberflöte“)

-----„Nein, Nein, Nein! – No! No! No! …ch’io non mi pento, vanne lontan da me”
(Nein, ich bereue nicht. Geht fort von mir!) (Lorenzo da Ponte aus der Oper „Don Giovanni)

-----„Dies irae, dies illa“ (Text des Requiems)

-----„Dann gings in einem Odem fort: Ich seie der liederlichste Bursch… hieß mich einen Lumpen, Lausbub, einen Fexen! Ich will nichts mehr von Salzburg wissen. Ich hasse den Erzbischof bis zur Raserei“ (Brief von Wolfgang Amadeus Mozart, aus Wien 9.5.1781)

-----„…und bin Ewig, Ihr gehorsamster Sohn“ (Brief von Wolfgang Amadeus Mozart, aus Wien 4.4.1787)

Uraufführung:  27.11.2019, Augsburg

Uraufführung Interpreten: 27. November 2019 in Augsburg mit dem: MEHR MUSIK!Ensemble, Leitung Iris Lichtinger