Kategorie:  Orgel / Sacred Music

Sätze: 1: Obsession & Kontrast
2: Einsamkeit
3: Fragmente des Fliehens
4: „Seele, vergiss nicht die Toten!“

Dauer: 24 Minuten

Notenausgabe: Schott Music , Edition ED 22615 , 2016

Besetzung: Orgel solo (mindestens 3 Manuale)

Vorwort: Selbst bei seinem 100. Todestag bleibt Max Reger (1873-1916) ein Unverstandener und ein aus jeglicher Zeit Herausgefallener. Die Fülle, Längen, Dichte und Opulenz seiner Werke sind erdrückend. Komponieren war hier ein stupendes Zwangsritual, das von Kontrasten, Unruhe, Krisen und einem von Perfektionismus getriebenen Ehrgeiz erzählt. Gesundheitliche Krisen, Selbstzerstörung durch Alkohol und Nikotin sowie die Rastlosigkeit des (nach aussen immer einnehmenden ) workaholics indizieren tiefste Risse im Innern: das Leben war für Max Reger ein Kampf. Immer schien er sich beweisen zu müssen: zunächst wegen seiner sozialen Herkunft aus der Unterschicht, dann wegen seiner Liebe zu (dem damals unmodernen) J.S. Bach und zum Kontrapunkt, dann wegen angeblichen Eklektizismus. Person und Werk sind von Gegensatzpaaren gezeichnet, die Max Reger das Attribut des „Zwischen allen Stühlen“ einbrachte: so radial wie seine zwischen pppp und ffff angesiedelte Dynamik war die Gleichzeitigkeit von Tradition und wegweisender Moderne, von praller Lebensfülle und Depression, von himmlischen Inseln des Klangs und der (in eigenen Worten) Hölle des Kontrapunkts.
Die Orgelsinfonie Nr. 15 unterläßt es, die nicht-steigerbare und nicht-variierbare Regerstilistik zu adaptieren. Im Gegenteil. Mit einem „glühenden Reduktionismus“ werden Motive, Zitate, Fragmente wie einzeln funkelnde Edelsteine aus dem Kontext genommen und neu beleuchtet: Reger aus der Distanz betrachtet, um dem Mysterium dieses genialen Menschen etwas nahezukommen.

Zu den Sätzen:
1: Obsession & Kontrast zeigt sich durch repetitive Strukturen und schroffe Gegenläufigkeiten. Zitate aus der „Inferno-Phantasie“ op. 57, aus „Phantasie BACH“ op.46
2: Einsamkeit erzählt von Stille, Verlassenheit und Selbstzweifeln. Mit Zitaten aus den „Variationen und Fuge“ fis-moll op. 73. Als Porträt des unbekannteren Regers erklingen Motive aus seiner Eichendorff –Vertonung „Der Einsiedler“ op. 144a für Bariton, Chor und Orchester, die in seinem letzten Lebensjahr entstand und für ihn eine persönliche Bekenntnismusik war. Den Ausklang bildet „Herzliebster Jesu“ aus dem Orgelwerk „Passion“ op. 145/4, das er vor 100 Jahren im Todesjahr schrieb: „Einsamkeit“ ist bei dem doch tiefreligiösen Max Reger immer auch die Einsamkeit Jesu am Kreuz gewesen.
3: Fragmente des Fliehens verbindet ganz widersprüchlich Zitate aus Orgelwerken, die dann demontiert werden und sich in repetierende Pattern auflösen: ein Leben im Modus der Flucht! Ursache dieses Getriebenseins war sicher die Fixierung auf J.S. Bach als sein ‚alter ego’: Bachs umfängliches und qualitatives Werk war für Reger der Maßstab, an dem er sich zeitlebens gemessen hatte. Mit Zitaten aus „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ op. 52/2, „Phantasie BACH“ op. 46, , „Phantasie Alle menschen müssen sterben“ op. 52/1
4: „Seele, vergiss nicht die Toten!“ ist die Hauptzeile des „Requiems“ für Stimme, Chor und Orchester, das in seiner neuartigen Modernität wenig erkannt wurde. Es geht um den Tod. Dieser war erschütternd, denn Straube berichtet vom Gesicht Max Regers, als dieser in der Nacht vom 10. Auf den 11. Mai 1916 starb: „Den Ausdruck seines Gesichtes werde ich nie vergessen. Es ist das Monumentalste, was ich je auf einem Menschenantlitz gesehen habe. Auf dem Weg in das unbekannte Land muss er gewaltige Erscheinungen gesehen haben. Vielleicht hat er mit seinem Gott selber geheimnisvolle Gespräche geführt....“

Widmung: Herzlich für Bernhard Buttmann,
der 2012-2015 das gesamte Orgelwerk Max Regers einspielte!

Uraufführung:  08.07.2016, Berliner Dom

Uraufführung Interpreten: Bernhard Buttmann