Kategorie:  Orgel / Sacred Music

Sätze: Inhalt:

Die Choralbearbeitungen (in alphabetischer Ordnung) sind nicht nur in der Stilistik bewusst vielfältig gehalten, sondern auch in ihren Verwendungsmöglichkeiten: neben klassischen Choralvorspielen zum Intonieren des Gemeindegesang stehen auch selbständige ruhige Choralmeditationen oder kraftvolle Stücke für Beginn und Ende des Gottesdienstes.

1 AGNUS DEI (LAMM GOTTES) 150
Martin Luther 1528 (nach dem lat. Agnus Dei)
2 ALLEIN GOTT IN DER HÖH? SEI EHR 150
mittelalterlich, Nikolaus Decius 1522
3 AUS TIEFER NOT SCHREI ICH ZU DIR 150
Martin Luther 1524
4 BEFIEHL DU DEINE WEGE 145
Bartholomäus Gesius 1603
5 FRÖHLICH SOLL MEIN HERZE SPRINGEN 140
Johann Crüger 1653
6 HERR JESU CHRIST, DICH ZU UNS WEND 110
Gochsheim (Franken) 1628
7 HERZLIEBSTER JESU, WAS HAST DU VERBROCHEN 120
Genf 1543, Johann Crüger 1640
8 KOMM GOTT SCHÖPFER; HEILIGER GEIST 120
Martin Luther 1529, nach dem lat. Veni creator spiritus
9 KOMM, HEILIGER GEIST, HERRE GOTT 200
1524 Wittenberg (Martin Luther) nach ?Veni sancte spiritus?
10 NUN KOMM DER HEIDEN HEILAND 230
Martin Luther 1524, nach dem ambrosianischen ?Veni redemptor?
11 NUN SINGET UND SEID FROH 150
Wittenberg 1529, nach dem ?In dulci jubilo? (14. Jh.)
12 O HEILAND, REISS DIE HIMMEL AUF 140
Augsburg 1666
13 O LAMM GOTTES, UNSCHULDIG 230
Süddeutsche Fassung, Nikolaus Decius 1522/Erfurt 1542
14 SCHMÜCKE DICH, O LIEBE SEELE 340
Johann Crüger 1649
15 VON GOTT WILL ICH NICHT LASSEN 200
16. Jh., geistlich Erfurt 1563
16 WACHET AUF, RUFT UNS DIE STIMME 230
nach Hans Sachs 1513, von Philipp Nicolai 1599
17 WIE SOLL ICH DICH EMPFANGEN 120
Johann Crüger 1653
18 WIR DANKEN DIR, HERR JESU CHRIST 110
Nikolaus Hermann 1551/1560

Dauer: Gesamtdauer 36 Minuten (Einzeldauern siehe unten)

Notenausgabe: Schott Music GmbH , ED 20348 in Vorb. , 2007

Besetzung: Orgel solo (mind. 2 Manuale und Pedal)

Soloinstrumente: Orgel

Vorwort: Das ANSBACHER ORGELBÜCHLEIN ist eine Sammlung von achtzehn Choralbearbeitungen zu Melodien des Evangelischen Gesangbuchs. Zum Gebrauch in Gottesdienst und kleinem Konzert ist der Schwierigkeitsgrad einfach bis mittelschwer. Ebenso wurde stilistisch auf eine experimentelle Modernität verzichtet. Jede Bearbeitung bietet aber einen eigenen satztechnischen Ansatz, so dass die Sammlung einen informativen Querschnitt der Möglichkeiten zeigt, wie in der postmodernen Pluralität mit einer tonalen Kirchenmelodie reizvoll umzugehen ist. Die vorgeführten Stilmuster sind (was der pädagogische Aspekt dieses Orgelbüchleins ist) leicht abstrahierbar und im Sinne einer Improvisationsübung auf andere Choräle zu übertragen.
Angeregt wurde die Sammlung von KMD Rainer Goede (Ansbach) anlässlich der Restaurierung und Einweihung der Wiegleb-Orgel von 1738 in St. Gumbertus zu Ansbach. Die Choralbearbeitungen sind jedoch nicht auf die barocke Disposition des ?fränkischen Silbermanns? Johann Christoph Wiegleb (1690-1749) eingegrenzt, sondern rechnen durchaus auch mit den Klangmöglichkeiten und Tonumfängen der modernen Orgeln.

Widmung: Anmerkungen zu den Kompositionen:

1 AGNUS DEI (LAMM GOTTES) ist die schlichteste Bearbeitung dieser Sammlung. Fast gregorianisch frei zu spielen. Bei der Wiederholung kann die
Melodie (falls auf Solomanual) in neuer Klangfarbe erklingen.

2 ALLEIN GOTT IN DER HÖH? SEI EHR ist sehr lebhaft zu spielen, wobei die
permanenten Nachschläge der rechten Hand sehr klar zu registrieren sind, damit eine rhythmische Gegenakzentuierung entsteht. Der cantus firmus liegt im Pedal 4? und soll sehr singend (mit dezenter Zunge ad lib.) jedoch intensiv
Erklingen. Die Manualwechsel II. ? III. ad libitum. Grundcharakter: Forte

3 AUS TIEFER NOT SCREI ICH ZU DIR als archaische Komposition nur mit
?weißen Noten?: ungestüm und sehr klangstark zu spielen. Als Präludium am
Ende oder Beginn eines Gottesdienstes sehr eindrucksvoll. Strikt im
Tempo bleiben.

4 BEFIEHL DU DEINE WEGE ist eine sehr introvertierte Choralmeditation.
Das zentrale Motive (z.B. Takt 1) farbig aber dezent registrieren und wie eine
Glocken jeweils verlöschen lassen (Schweller). Gegenpart ist die Melodie im
Pedal mit einem singenden 8?. Diese soll so kantabel und frei atmend schwingend, dass kein Hörer hinter der subtilen Gestaltung ein Pedalsolo vermutet.

5 FRÖHLICH SOLL MEIN HERZE SPRINGEN drückt eine sehr entrückte
Freude aus, - die Freude, bald die Welt verlassen zu dürfen! Deshalb ist das
Werk wie eine Mahlersche Komposition mit dem typischen Gestus des
?Abschieds? zu behandeln: eine unendlichkeitssuchende Adagio-Melodik in
der rechten Hand (agogisch frei und sehr subjektiv), gestützt von dunklen
Streicherakkorden und Bässen. Schwellpedal kann ad lib. Sehr intensiv zur
Oberstimmengestaltung ein gesetzt werden.

6 HERR JESU CHRIST, DICH ZU UNS WEND ist eine kraftvolle Toccata im
Stil der französischen Orgelsinfonik. Vehement, stürmisch und virtuos
angehen.

7 HERZLIEBSTER JESU, WAS HAST DU VERBROCHEN ist ein schwer
schreitender Trauermarsch oder Cortège, dunkel und voll registrieren mit
intensiver Solostimme (Zunge oder Sesquialter). Niemals eilen, - eher
mühsam schleppen.

8 KOMM GOTT SCHÖPFER, HEILIGER GEIST ist eine schlicht und streng
konzipierte Komposition: jeder Choralnote ist ein fester Akkord zugeordnet und dann solchermaßen durchgeführt.

9 KOMM, HEILIGER GEIST, HERRE GOTT interpretiert das pfingstliche
Moment des schwebenden Geistes in einer frei schwingenden, kaum metrisch zu fassenden Melodie. Die Stimmen sollen bei einer Interpretation auf drei
Manualen sehr äqual registriert sein, damit ein Ineinander-Verwobensein als
Grundcharakter vorherrscht.


10 NUN KOMM DER HEIDEN HEILAND ist ein meditatives Stück mit dem
Sinnbild eines ruhigen Tropfens von ewigem Wasser. Die liegenden Töne heben sich davon dezent-geheimnisvoll ab. Der Choral liegt in tiefem und sehr weichem Pedal: Misterioso

11 NUN SINGET UND SEID FROH ist sehr vital und fröhlich entsprechend der
Tempovorschrift ?Giocoso? zu nehmen. Nie nach lassen, - lediglich bei der
7/8-Stelle kann ein leichtes Nachgeben spürbar werden, um die Reprise des
F-Dur umso vitaler (Tempo hier schneller als zu Beginn) zu gestalten.

12 O HEILAND, REISS DIE HIMMEL AUF ist als leise und eindringliche Fürbitte
Konzipiert: alle Leidensexpressionen sind in die subtil schwingende Oberstimme (II., möglichst mit Larigot und Tremulan) gelegt, wozu fragmentarisch die linke Hand leise ein Zentralmotiv beisteuert. Verlöschend, fragil.

13 O LAMM GOTTES UNSCHULDIG ist von fremdartig herbem und sehr
disparatem Ausdruck: Der Choral liegt in starrer Harmonisierung in der linken
Hand, wozu die Staccati (sehr glitzernd hart mit vielen hohen Aliquoten) in
extremer Gleichförmigkeit und Unerbittlichkeit das Passionsgeschehen in
drastischer Härte (wie Geiselhiebe) spürbar machen.

14 SCHMÜCKE DICH, O LIEBE SEELE wird zunächst durch die gleichförmig und zart schwingende Achtelbewegung (inniges Pulsierend von unendlich zuversichtlicher Ruhe) ausgedrückt. Dem tritt dann das weich-dunkle Pedal mit der Choralmelodie entgegen (misterioso & cantabile), zum Teil mit einer leisen Solostimme duettierend. Eine zarte Seele, die sich hier schmücken darf.

15 VON GOTT WILL ICH NICHT LASSEN ist eine innige und introvertierte
Komposition. Der Choral als ?Vorsänger? frei ausgeschmnückt, dem antiphonal dann eine ebenso intime Ausschmückung folgt.

16 WACHET AUF RUFT UNS DIE STIMME ist eine sehr eigenwillige Leseart
dieses Chorals. Sie entstand nach der Lektüre eines Buches über Nah-Tod-
Erfahrungen fast verstorbener Menschen. Diese berichten einhellig von einer
unendlich schönen und verlockenden Musik sphärischer Art, die sie beim
Hinübergleiten vernommen haben. Das ?Wachet auf? ist die Sehnsucht der Seele nach der Vermählung mit dem Bräutigam, der im Licht und lockend im Jenseits uns zu erwarten scheint. Den Manualpart möglichst im geschlossenen Schwellwerk zu spielen (ppp sempre) und das Pedal mit einer leicht schwebenden Flötenmelodie (mit Tremulant).

17 WIE SOLL ICH DICH EMPFANGEN ist wiederum sehr schlich (semplice) und schmucklos zu spielen. Ein Choralvorspiel, das aufmerksam macht.

18 WIR DANKEN DIR, HERR JESU CHRIST soll kraftvoll sein, ohne äußeren
Druck zu erzeugen. Klangideal: ein voll besetzes Streichorchester mit warmem und großem Klang. Die ersten Achtelnoten mit Tenuto-Strich sollen jeweils ins zweite Staccato-Achtel übergehalten werden.

Anmerkungen: SIEHE AUCH UNTER TONTRÄGER DIE GLEICHNAMIGE CD

Uraufführung:  07.06.2009, St.Gumbertus Ansbach

Uraufführung Interpreten: Vom 30.7.-4.8.2007 spielte während der Ansbacher Bachwochen Rainer Goede Choräle in Gegenüberstellung mit gleichnamigen Chorälen aus Bachs Orgelbüchlein.

Uraufführung Presseberichte: Zeitschrift LORGUE. Bulletin des Amis de lOrgue, 2008/III Nr. 283
Loin de céder aux principes dun language davantgarde, le compositeur à differentes techniques 'post-modernes' (lexpression figure comme telle dans la notice) et lui-meme indique que dun coté ces pièces peuvent servir de modèle dimprovisation et de lautre que, bien quinspirées par la restauration de lorgue St. Gumbertus dAnsbach (1734), elles sadaptent facilement à tous les instruments. Le niveau requis nexige pas une pratique transcendente et lon trouve à la fois des pages très facile et dautres qui réclament des doigts....

Zeitschrift THE AMRERICAN ORGANIST July 2009
18 Choral Preludes - These will definitely not be appreciated at the little brown church in the vale, but if youre adventurous, these are quite original preludes on wellkonwn German chorales. Each 'shows the different possibilities of how to deal delightfully with a tonal melody in postmodern pluralism'. Schneider is a talented improviser and each of these works exhibits one of his 'tricks'. In fact, he even mentions that 'the stylistic examples may easily be adapted and applied to other chorales as an exercise of improvisation'. Thus, this serves as a teaching collection as well. (Rollin Smith)