Viele der sinfonischen Konzepte sind auf die Dualität „Solist – Orchester“ zugeschnitten, weil dies mit der klaren Vordergrund-Hintergrund-Staffelung einem Publikumsverständnis sehr entgegenkommt: die das Prinzip der thematischen Durchführung der reinen sinfonischen Literatur setzt Kennerschaft voraus, während sich die Virtuosität des Solokonzertes sich leichter erschließt. Dennoch sind (über diese solistische Vermittlung einer klaren Hörperspektive) die Solokonzerte bei Enjott Schneider meist sinfonisch-thematisch angelegt und setzen meist einen großen Orchesterapparat voraus.
VERÄNDERUNGEN (CHANGES). KONZERT FÜR SHENG UND ORCHESTER. Die drei Sätze entsprechen einigen der berühmten acht Triagramme des "I GING" (des Buches der Veränderungen/book of changes): TSCHEN ist der Erwecker, der Donner, dem die Eigenschaften des Provokativen, Heftigen, des ungestümen Wachsens zugeordnet sind. KAN als Tiefe und Abgrund hat als Bild das Wasser, dem der Mond und alles Geheimnisvolle, schwer zu Verstehende und Melancholische entspricht (folgerichtig basiert dieser Satz auf einer 12Ton-Reihe und einer verschobenen spiegelsymmetrischen Rhythmik). TOUEI ist das Vergnügen, die Freunde, das Glück, die heitere Ruhe, dem das Bild des Sees entspricht. - Die "Veränderungen" wollen nicht in Rhythmik oder Melodik asiatische Vorbilder imitieren, sondern bleiben im Tonmaterial eher in den Sprachkonventionen der westlichen Musik. Der Brückenschlag zur chinesischen Musik gelingt vor allem durch den Einsatz der Sheng - eines der ältesten Musikinstrumente. Leihmaterial bei Schott Music.
WAZ Westdeutsche Allgemeine Zeitung/Gelsenkirchen (2003): Das war "die" Überraschung im sinfonischen Jahreszyklus, eine Uraufführung von Enjott Schneider - "Veränderungen" für Sheng und Orchester. Solist war der hochvirtuose Chinese Wu Wei. Asiatische Musik trifft auf europäische Tradition…Hinter dieser Uraufführung rückten die übrigen Werke, alle der großen Besetzung gewidmet, ins zweite Glied.
MAZ zum "Konzert der Mitte" der Brandenburger Philharmoniker (Oktober 200: Einen besseren Beweis für die Vereinbarkeit von Tradition und Moderne hätte es an diesem Abend nicht geben können. Zu hören war ein Dvorac der Jahrtausendwende, der eine ebenso empfindsame wie dramatisch und theatralisch Musik zu schreiben weiß, die sich dem Zuhörer erschließt, ohne ihm unaufhörlich zu Munde zu reden... Das grandiose Finale löste wahre Begeisterungsstürme aus. Und das bei moderner Musik!"
Lübecker Nachrichten (2007): Die Lübecker Philharmoniker spielten ein aussergewöhnliches Programm...Hauptwerk aber war das Konzert für Sheng und Orchester des deutschen Komponisten Enjott Schneider (57). Eine herausragende Komposition…. Da war nichts zu merken von der angeblichen Kopflastigkeit neuer Musik, im Gegenteil, dieses Werk bot Emotion in hohem Maße"
EARTH & FIRE. SYMPHONIC POEM FOR SHENG AND ORCHESTRA. Dieses Werk existiert bislang in einer Version für „Chinese Orchestra“ und wird so mit einem 70köpfigen Orchester im mai 2010 in der Philharmonie Taipeh/Taiwan uraufgeführt. Eine Version für Sheng und westliches Sinfonieorchester ist in Vorbereitung. In 22 Minuten werden „Erde“ in einem magischen Ritual, dann „Feuer“ in virtuoser Textur beschworen, bis nach der Transformation durch das Element Feuer das „Erde“-Thema in hymnischer Version wiederersteht.
VIVALDISSIMO Konzert für 2 Trompeten, Cembalo und Streichorchester verbindet die Lust an virtuoser Motorik mit dem postmodernen Vergnügen, stilistische Gegensätze zu verbinden: Satz I kombiniert Bausteine Vivaldischer Art mit repetitiven Streicherpattern, Satz II überträgt dodekaphone Technik auf den Gestus eines barocken „Pastorale“, Satz III verbindet Presto-Motorik mit der Serenita in Art von Nino Rotas Musik zu italienischen Fellini-Filmen.
Zur Uraufführung in Uster/Zürich (mit Reinhold Friedrich und Hannes Läubin, Trompeten) am 5.1.2003: „Bravorufe und frenetischen Applaus gab es denn für den anwesenden Komponisten“ (Zürcher Oberland 2003).
Leihmaterial bei Schott Music. Es gibt auch eine Kauf-Fassung für zwei Trompeten und Orgel als Edition TR23
DRACULISSIMO: CONCERTO GROSSO FÜR TROMPETE, POSAUNE UND ENSEMBLE. Das Concerto grosso thematisiert vor allem den historischen Dracula, den grausamen Fürsten Vlad der Pfähler, der von 1431 bis 1476 im heutigen Rumänien lebte. Vlad III Draculea wurde von seinem Vater Vlad II Dracul als Geisel an Sultan Murad gegeben, wo er als Knabe jahrelange Folter seiner Peiniger erlebte. Dies prägte den pupertären Vlad derart, dass er dann als Fürst selbst von beispielloser Grausamkeit war: Berüchtigt war sein “Pfählen” (qualvolles viertägiges Sterben der an Stangen aufgespießten Opfer) - er ließ bisweilen bis zu 20.000 türkische Soldaten am Spieß aufgestellt. Vor seinen sadistischen Bestrafungen wie Teeren, Federn, lebendig Verbrennen, Hängen, kannibalischem Fleisch- und Blutgenuss blieben auch Frauen und Säuglinge nicht verschont. 1: ODERINT DUM METVANT (“Sie mögen mich hassen, solange sie mich nur fürchten”), ein wildes Allegro auf Basis frühbarocker Ritornellstruktur.
2: LUNA SU TRAGOVISTE ist ein Adagio in schauerlichem Pianissimo und vermittelt das nächtlich-stumme Schreien der Gepfählten, die zu Tausenden um die Stadt Tirgoviste aufgespießt fand.
3: IL BALLO TRANSILVANO nimmt Bezug auf Vlads hinterhältige Freundlichkeit, Bettler, Zigeuner und Kranke zu einem Fest zu empfangen, in dessen Verlauf sie dann umgebracht wurden. Ein originales Zitat war “Schaffen wir die Armut ab, indem wir die Armen abschaffen!”. 4:BACIO DI SANGUE nimmt Abschied vom historischen Vlad III und feiert in einem aristokratisch-neobarocken Vivace den Blutkuss jener schaurigen Untoten.
EVOLUTION. KONZERT FÜR KLAVIER UND ORCHESTER entstand als Musik zu dem Film „Concierto Evolucion“ im Deutschen Kugelkino der Weltausstellung Sevilla 1995. Dementsprechend ist es keine ‚neue Musik’, sondern bedient sich einer Klangsprache zwischen Rachmaninoff und Schostakovitch, auf dessen Basis drei expressive Sätze entstanden, die bildprächtig den Gang der Schöpfung nachzeichnen: „creation“ wird vom Chaos der „destruction“ abgelöst und mündet im Finale der „re-construction“, worin symbolträchtig für eine kurze Spanne auch Saxophon und Schlagzeug integriert werden. Die Uraufführung im Auditorio Nacional Madrid mit dem Pianisten Leonel Morales und dem Orquestra Filarmonica de Madrid, Ltg.: Pascual Osa löste Begeisterungsstürme aus. Leihmaterial bei Schott Music.
NEIDHART’S NIGHTMARE. MINNELIED FÜR KLAVIER UND ORCHESTER. Neidhart von Reuenthal (etwa 1180-1240) war der „bunte Hund“ des Mittelalters und erfolgreichster Musiker des Minnegesangs. Er griff mit freizügigen Texten und schwungvollen Melodien das damalige Wertesystem an: seine grobianische „Dörperdichtung“ (Dörper = Dörfler, Bauer) war bewusst naiv und allgemeinverständlich an die breite Bevölkerung, nicht mehr nur an den Adel gerichtet. Das Gewimmel der Tanzstuben und die angriffslustige Präsenz von Bauernlümmeln konnte jederzeit in eine ekstatische Körperlichkeit ausarten, die den Dichter – wie in der Manessischen Handschrift (Codex Manesse um 1300) bebildert – alptraumartig bedrängten: Neidhardt’s Nightmare („Nightmare“ als ein aus Horrorfilmen bekannte Alptraum-Situation). Aufführung mit solistischer oder mit orchestraler Streicherbesetzung. Leihmaterial bei Schott Music.
ECHO – KONZERT NR.1 FÜR ORGEL UND STREICHORCHESTER wurde 2001 bei den Internationalen Landsberger Orgeltagen uraufgeführt. Orchestermaterial über Schott-Music. Das spielfreudige und stimmungsintensive Konzert setzt die Linie der Händelschen Konzerte über den Charme der Harmonik von César Franck bis zur Insistenz der minimalistischen Musik fort. Es steht als autonomes Spielen mit Echowirkungen, kann jedoch auch programmatisch inspiriert vom antiken Mythos der Nymphe "Echo" gehört werden. Die Sätze: "Tanz", "Echo und Narziss", "Finale: Presto".
HIOB. KONZERT NR. 2 FÜR ORGEL UND ORCHESTER wurde 2007 bei den Bochumer Orgeltagen uraufgeführt. Dem virtuosen Orgelpart wird ein selbständiger anspruchsvoller sinfonischer Orchesterpart entgegengestellt. Satz 1: PROLOG “Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob…” (Kap.1,1) Satz 2: ZERSTÜCKUNG “Ich lebte sorglos, da zerzerrt er mich, packt mich im Nacken und zerstücket mich” (Kap.16,12). Satz 3: STERNVERDUNKLUNG (Nelly Sachs) “Wo du stehst, ist der Nabel der Schmerzen”. Satz 4: LANDSCHAFT AUS SCHREIEN (Nelly Sachs): O du blutendes Auge / in der zerfetzten Sonnenfinsternis, zum Gott-Trocknen aufgehängt / im Weltall Satz 5: EPILOG: KEZIA (DIE ZIMTBLÜTE).
AUS DER DUNKELHEIT". Zwei Orchesterlieder (nach Texten aus dem KZ Buchenwald) für Bariton und Orchester (1998), "Träume des Einsamen" und "Wie sollten die Vögel singen". Entstanden als Teil der 1. Sinfonie LIED AN DAS LEBEN. Die naiven und vor der Brutalität der Todesmaschinerie fast unwirklichen Dichtungen werden nicht in komplexe, artifizielle Tonsprache gefasst, sondern in einer ähnlichen im Tonfall fast naiven Idiomatik. Aufführungsmaterial über den Autor.
„DASS DEIN LIEBEN LIEBE WAR". Wolfgang Borchert-Liederbuch für Sopran (Tenor) und Streichorchester wurde in der Fassung mit Streichquartett 1988 am Staatstheater Wiesbaden aufgeführt, 2004 Zürich in der Orchesterfassung. Kurze miniaturhafte Orchesterlieder, die vor allem die suggestiven und lyrischen Texte von Borchert in den Vordergrund stellen.


