Komponieren für das Orchester (ob für Konzertsaal oder Kinoleinwand) gehört zu den großen Leidenschaften von Enjott Schneider. Seine Professionalität wurde hier immer wieder bestätigt:
Gerhard Rohde (Frankfurter Allgemeine Zeitung 2004): „Schneider weiß, wie man szenisch-bildhafte Ereignisse musikalisch ‚begleitet’, wie man Atmosphäre schafft, instrumentale Charakteristika effektvoll einsetzt. Das Schlagwerk-Potential wird routiniert ausgeschöpft, Erregungssequenzen geschickt gesteigert.“
Reinhard Schulz (Süddeutsche Zeitung 2004): „Schneider ist technisch fraglos einer der versiertesten zeitgenössischen Komponisten. Er vermag alle Register einer direkten und genauen Wirkung zu ziehen, weiß den Orchesterklang genau und differenziert durchzugestalten, beschäftigt sich mit Hörpsychologie“.
Kernstück des orchestralen Schaffens sind Schneiders Sinfonie 1-3, daneben eine Reihe sinfonischer Einzelwerke und Konzerte, nicht zuletzt auch die konzertanten Versionen seiner Filmmusiken.
Im Überblick:
SINFONIE NR. 1 „LIED AN DAS LEBEN“ („GLOCKENSINFONIE“) für Sopran, Bariton, Chor, Orgel und Orchester wurde für die Domstufenfestspiele Erfurt 1999 komponiert und mit fast 500 Mitwirkenden dort mehrfach unter Leitung vom GMD Wolfgang Rögner uraufgeführt. Mit der Besetzung von G. Mahlers „Sinfonie der 1000“ und 92 Minuten Länge gehört sie zu den monumentalen sinfonischen Werken und ist – auch mit dem abschließenden „Da Pacem“ – für große Events geeignet; es gibt auch eine Kurzfassung von 60 Minuten. Die Verbindung von Texten aus dem KZ Buchenwald und lateinischen liturgischen Texten schafft eine eindringliche Atmosphäre. Bei der Uraufführung hatten die Erfurter Kirchenglocken mitgewirkt, was aber für eine Aufführung nicht verpflichtend ist. Aufführungsmaterial über Schott Music.
SINFONIE NR. 2 „SISYPHOS“ für Schlagzeug und Orchester wurde 2001 im Münchner Herkules-Saal von Stefan Blum (Schlagzeug), den Münchner Symphonikern unter Leitung von Heiko Mathias Förster uraufgeführt. Aufführungsmaterial über Schott Music. Der 1. Satz "Punished by gods" spiegelt als Rondo und Perpetuum Mobile den Zustand sinnlosen Beschäftigtseins, der 2. Satz führt nach Albert Camus These von Sisyphos als Vater des Absurden die "Illusion" und "Hoffnung" als abzustreifende Ursachen menschlichen Unglücks vor, der 3. Satz "The Liberation of Sisyphos" nimmt in einem erdigen Kraftakt des Hier und Jetzt das Schicksal an: "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen" (Camus). Wegen des durchweg solistischen Gewichts des virtuosen Schlagzeugparts kann die 2. Sinfonie auch als "Schlagzeugkonzert" bezeichnet werden.
SINFONIE NR. 3 „CHINESE SEASONS“ für Alt, Sheng und Orchester wurde 2008 mit dem chinesischen Sheng-Virtuosen WuWei in Leoben/Steiermark uraufgeführt, ist eine lyrische Sinfonie, in der behutsam eine Brücke zur chinesischen Kultur geschlagen wird: verbindende Elemente sind die großartigen Nachdichtungen chinesischer Lyrik von Hans Bethge (1876-1946), die vom Alt gesungen werden, sowie die Klangwelten der „Sheng“, der jahrtausendealten chinesischen Mundorgel, deren Farbenreichtum von leise vibrierender Einstimmigkeiten bis zu explosiv ausladender Polyphonie reicht. Das begleitende grosse Symphonieorchester tritt in einer Klangsprache dazu, die sowohl westliche wie östliche Elemente enthält. Überraschend ist die psychologische Typologie des chinesischen Jahreslaufs: dieser beginnt mit dem Sommer und seiner reichen Üppigkeit voller Farben; ihm folgt der Herbst mit einer Melancholie des Abschieds und des Einschlummern allen Lebens, gefolgt von der Starre des Winters, der für Trauer und Regungslosigkeit steht. Klimax ist jedoch der Frühling: ein ekstatisches Wiederfinden des Lebens, der Rausch des Daseins und der Schönheit.
AT THE EDGE OF TIME. REFLECTIONS ON MOZARTS REQUIEM KV 626 ist zum Mozartjahr 2006 als eine Hommage entstanden: aus Bewegungsmustern seines Requiems KV 626 entsteht ein Geflecht, das vom solistischen Englischhorn – dem traditionellen Instrument von Tod und Klage – melodisch zusammengehalten wird. Ein furioser Mittelteil, von der Rhythmik des „Dies irae“ inspiriert führt in großer Steigerung existentiell erschütternden Klangballungen zu plötzlicher Stille und dem Nichts: über einem langen Pedalton erzittert die Musik und zitiert Mozarts „Lacrimosa“… genau so lange und fragmentarisch, wie es aus seiner Handschrift als letztes der von ihm überlieferten Stücke erhalten ist. Danach ist er gestorben: man vermag etwas vom ABGRUND DER ZEIT zu verspüren. Leihmaterial bei Schott Music.
TINGUELY MACHINE ...IN MEMORIAM JEAN TINGUELY für 12 Blechbläser und Sinfonieorchester. Auftragswerk des Deutschen Musikverlegerverbandes zum 150. Jubiläum. Das 9minütige Werk wurde 2004 in Berlin vom Rias Jugendorchester uraufgeführt. Das Blechensemble verkörpert mit seinen triviale, den Schrottplätzen der Musikgeschichte entliehenen Motiven den ‚Sperrmüll-Gedanken’ Jean Tinguelys (1925-1991), während das Sinfonieorchester sich seriös avantgardistisch gibt. „Knarzen“, „Knarren“ usw. wird von den Streichern gefordert, auf Alltagsinstrumenten wie Eimer, Deckeln und Stangen zu spielen wird von den Schlagzeugern abverlangt. Tinguely: „Kunst ist Aufruhr. Ich verlasse den Thron der Kunst, schaffe Kunstwerke, die dem System ausdrücklich entwischen wollen“.
PHOENIX. MYTHOLOGISCHE DICHTUNG für Oboe, Schlagzeug und Streichorchester: "Phoenix" ist jener weibliche Feuervogel, auf den schon Strawinsky Bezug nahm, der mit seiner ewigen Wiederkehr schon bei den alten Ägyptern Symbol der Wiederauferstehung war. Die Sätze: I: Im Land vor aller Zeit, II: Rondo perpetuoso, III: "...für immer". Das Werk ist mit kleinem Orchester aufführbar, wirkt jedoch am besten mit großer Streicherbesetzung. Aufführungsmaterial über Schott-Music.
TEATRISSIMO. RATATOUILLE FÜR ORCHESTER Ein Pasticcio: ...die bunte Welt der Oper in einer aberwitzigen Collage: Da werden Bizets "Carmen" und Webers "Euryanthe" viertaktweise ineinandergeschachtelt, da mutiert Verdis "Triumphmarsch" zu "Durch die Wälder..." aus dem Freischütz, da wird der Dreivierteltakt aus "Tannhäuser" zum Marsch und der Viervierteltakt aus "La Traviata" zum Walzer umgebogen, gefolgt von Rossinis "Diebischer Elster", "Wilhelm Tell", Puccinis "Tosca" oder Mozarts "Nozze di Figaro". Kompositionsauftrag von August Everding Prinzregententheater München, uraufgeführt vom Staatsorchester des Gärtnerplatz-Theaters 1997. Geeignet für Jugendkonzerte (wo ist welche Oper versteckt?) oder für Karnevals- oder Neujahrskonzerte. Leihmaterial bei Schott Music.
Die folgenden zwei „Brahms“-Werke sind in orchestraler Besetzung spielbar (kammermusikalisch/solistisch besetzt ist auch möglich) und stellen einen frech-witzigen Kontrapunkt für ein symphonisches Brahms-Programm dar. Dauer jeweils 11 Minuten:
BRAHMS OCCASIONALLY RELOOPED. VARIATIONEN ZUM FINALE DER VIERTEN SYMPHONIE OP. 98 ist amüsantes Spiel, - für die Musiker wie für die Zuhörer, die Johannes Brahms in neuem Kleid entdecken und ständig auf Zitatsuche sind: Was ist jetzt Brahms, was ist jetzt Schneider? Klingt wie Brahms, aber diese Metrik ist doch ganz anders? Lustvoller Umgang mit Brahms-Bausteinen, die allesamt aus dem Finale der 4. Symphonie op.98 entnommen sind, und sich in den harmonischen Rahmen der gewaltigen Chaconne mit den genialen Brahms-Harmonien fügen. Die Perspektiven wechseln schnell: oft wird eine kurze Brahms-Phrase repetiert, dann werden Nebenmelodien und Kontrapunkte in den Rang von Hauptmelodien erhoben, zweimal gibt es kleine Inseln, in denen die Zitate fast unversehrt zu hören sind, oft wurden - von den Brahmsschen Harmonien ausgehend – neue Melodien und Motive geschaffen.
AIMEZ-VOUS BRAHMS? EIN FAST-UNGARISCHER TANZ. Wie mit dem Titel „Aimez-vous Brahms?“ des Romans von Francoise Sagan (1960) schelmisch angedeutet, wird das „ungarische“ Element bei Brahms unkonventionell hinterfragt: Mit dem ungarischen Geiger Eduard Reményi (1830-1898) als dessen Klavierbegleiter durch deutsche Lande ziehend, verinnerlichte sich Johannes Brahms die unterhaltende „Zigeunermusik“. Diese ‚Ungarismen’ hinterließen in Brahms Werk deutliche Spuren, nicht nur in den „Ungarischen Tänzen“ oder in den späten „Zigeunerliedern“ op. 103 und op. 112, sondern in vielen Einzelsätzen und Themenstrukturen. Der vorliegende „Fast-ungarische Tanz für Orchester“ will die Verbindungslinien von der bürgerlichen „Zigeunermusik“ zur anarchischen Volksmusik aufzeigen. Neben Brahmszitaten (aus dem Violinkonzert op. 77, den „Ungarischen Tänzen Nr. 1 und 6 u.a.) stehen percussionsdominierte wilde Passagen über archaischen Bordunen, Polyrhythmik, asymmetrische 11/8-, 5/8- oder 7/8-Rhythmen.
"TABLEAUX SYMPHONIQUES" aus der Oper "Bahnwärter Thiel" für großes Orchester, entstand 2003 aus den instrumentalen Teilen der Oper zu Gerhart Hauptmanns gleichnamiger novellistischer Studie. Aufführungsmaterial über Schott-Musik International. Die "Tableaux" entsprechen dem literarischen Vorbild der Naturstimmungen bei G. Hauptmann, die für seinen naturalistischen Stil als prägend galten. Latenter Grundton ist ein omnipräsentes "Gis".
VERUCH ÜBER DAS "CIS". Interludien aus der Oper "Albert – warum?", die sowohl in Kammermusik-Besetzung wie mit orchestraler großer Streicherbesetzung aufgeführt werden können. Die Interludien umschreiben die Gravitation des Schlußtones "Cis" der Oper (dem Ton des Freitodes von Albert am Opernende) in meist tragischen und nervösen Stimmungen.
RESONANZEN: SINFONISCHE TÄNZE für 4 Kastagnettenspieler und Orchester (Resonancias. Danzas sinfonicas para castanuelas y orquesta), wurden im Dezember 2000 im Auditorio Nacional Madrid vom Orquesta Filarmonica (Leitung: Pascual Osa) uraufgeführt. Das Werk kann auch ohne den solistischen Kastagnettenpart aufgeführt werden. Satz 1 "Morgens in Madrid" beschreibt das Erwachen einer pulsierenden Großstadt, Satz 2 "Schatten in fliederfarbener Nacht" hat eine erotische Atmosphäre im endlosen Tanz von Lust und Leid ("tempo di valzer lugubre"), Satz 3 "Galoppo" beinhaltet das Nebeneinander von Hohem und Banalem, wie es Cervantes mit den Figuren des Don Quijote und Sancho Pansa so treffend erfasst hat. Der Finalsatz "Galoppo" kann auch als eigenständiger Satz gespielt werden.
SINFONISCHE DICHTUNG "VOM GANG DES LEBENS" für Orgel und großes Orchester (1998), entstand als 2. Satz der neunsätzigen "Glockensinfonie". Ein einziges Thema kommt aus dem Nichts, nimmt individuelle Gestalt an, findet sich in einer stürmischen Steigerung, um ab hier von einem tänzerischen Rhythmus (Tanz als Metapher für das Kollektive, zu dem das Individuelle zurückzufinden hat) getragen zu werden. Verdrängt von einer mächtigen Grundschicht der Bässe und des tiefen Blechs verschwindet das Thema wieder. Die sinfonische Dichtung spiegelt jenen Entwicklungsprozess wieder, den C.G. Jung als Schritt von der Individualität zur Individuation so treffend beschrieben hat.
"FURIANT" für kleines Orchester, entstand 1999 für eine Reihe des Bayerischen Rundfunks "Salonisti Bavarese". Aufführungsmaterial über den Autor. Er nimmt Bezug auf den aus Böhmen stammenden schnellen Tanz mit Taktwechseln und Staccato-Rhythmus, der ländlich und derb meist bäuerliche Figuren skizziert.
ALI UND DER ZAUBERKRUG. EIN MUSIKALISCHES MÄRCHEN FÜR KINDER existiert in zwei Fassungen: Erzähler und großes Orchester oder Erzähler und Kammerensemble (Streichsextett, Flöte und Harfe). Es erzählt die Geschichte des afrikanischen Jungen Ali, der fleissig sein Flötenspiel perfektioniert, um schließlich damit vom Weißen Geist Reichtum, Glück… und seine Freundin Amina zu erhalten (die ebenso perfekt die Fidel beherrscht, was zu einem stimmungsvollen Finale führt).
Leihmaterial bei Schott Music, wo auch ein gleichnamiges Kinderbuch (mit Noten und einem Kinderlied über das Ali-Thema) von Enjott Schneider und Karlheinz Böhm (der in der Uraufführung den Erzähler gesprochen hatte). Erhielt den Medienpreis 2006 des VDS (Verband Deutscher Schulmusikerzieher) und der Stiftung Pro Musica Viva. Aus der Begründung der Jury:
Das musikalische Märchen lässt sich lesen als Parabel zur Frage, was Reichtum eigentlich ausmacht. Musik steht hier als Sinnbild erfüllten, guten Lebens. Ali beim Flötenspiel, die musizierende Dorfgemeinschaft: Das sind märchenhafte Allegorien, die auf das zutiefst humane Anliegen des Autors Karlheinz Böhm und seiner Stiftung „Menschen für Menschen“ verweisen. Reich an Bildern und Farben ist die Orchesterpartitur des bekannten Komponisten Enjott Schneider. Das ist visuelle Musik im besten Sinne: Filmmusik für das Kino im Kopf. Enjott Schneider gelingt es, im Anschluss an die Tradition des Melodramas aus vertrauten Formen und Mittel zu schöpfen, ohne jemals in vordergründige Klischees zu verfallen. Die beiliegende CD beeindruckt mit aufwändiger Produktion (u. a. Symphonieorchester und Kinderchor) sowie erstklassiger Aufnahmequalit


